
Warum Märchen von Trauma erzählen und warum du genau darin deine Bestimmung findest
Märchen beginnen selten mit Leichtigkeit. Sie beginnen nicht im geschützten Raum, nicht in geordneten Verhältnissen, nicht in einem Leben, das bereits seinen Platz gefunden hat. Sie beginnen mit einem Bruch.
Eine Mutter stirbt
ein Vater versagt
ein Kind wird fortgeschickt
ein junges Mädchen wird gedemütigt oder eingesperrt
In den überlieferten Geschichten der Grimms Märchen ist das kein dramaturgischer Effekt, sondern Ausgangspunkt. Diese Erzählungen entstanden in Zeiten, in denen Verlust, Hunger und Unsicherheit reale Erfahrungen waren. Trauma war kein Randphänomen, sondern ein Teil des Lebens.
Und dennoch wurden diese Geschichten über Generationen weitererzählt. Lies hier meinen früheren Blogartikel: Märchen als Landkarte der Seele.
Warum?
Weil Märchen etwas leisten, das nüchterne Beschreibungen nicht können. Sie verwandeln Überforderung in Bilder. Sie geben dem Unfassbaren eine Gestalt. Sie machen das, was innerlich zu groß ist, erzählbar.
Trauma bedeutet nicht nur, dass etwas Schlimmes geschehen ist. Es bedeutet, dass ein Ereignis die inneren Ressourcen übersteigt. Dass etwas zu schnell kam, zu überwältigend war. Und genau hier setzen Märchen an.
Der Wald wird zur Orientierungslosigkeit oder
die Hexe zur verzerrten Fürsorge oder
der Drache zur übermächtigen Angst oder
der Turm zur Isolation.
Das Unsichtbare bekommt Kontur. Und was Kontur hat, kann angeschaut werden.
Der Wald als Beginn, nicht als Ende
Bemerkenswert ist, dass die Prüfung im Märchen nicht am Schluss steht, sondern am Anfang. Die Hauptfigur wird nicht erst gestärkt und dann getestet. Sie wird getestet, um gestärkt zu werden.
Der Wald wird damit zur Schwelle. Dort verliert die Figur die alte Sicherheit, denn dort beginnt das Unbekannte. Etwas Entscheidendes passiert: Sie bleibt nicht stehen.
Sie zweifelt und sie fürchtet sich. Vielleicht irrt sie herum, aber sie bewegt sich.
Und irgendwann, meist in einem stillen Moment, fällt eine Entscheidung. Es ist kein dramatischer Schwur, sondern eine innere Haltung: Ich gehe weiter.
Das Märchen macht deutlich, dass Entwicklung nicht im Schutzraum entsteht. Sie entsteht in der Konfrontation und in der Reibung. In der Notwendigkeit, eine Antwort zu finden.
Das Trauma markiert zwar die Bruchstelle, aber es ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist ein Übergang.
Heute sprechen wir häufig von Bestimmung, als ließe sie sich wie ein verborgenes Talent freilegen. Als wäre sie etwas, das sich leicht und selbstverständlich anfühlt. Märchen erzählen es anders.
Bestimmung wächst aus Erfahrungen, die uns zwingen, uns selbst neu zu definieren. Aber nicht jeder Schmerz wird zur Berufung. Aber jede ernsthafte Entwicklung beginnt mit einer Konfrontation.
Beispiele was aus der Wunde erkannt wurde:
Wer verlassen wurde, versteht Bindung anders.
Wer entwertet wurde, erkennt Würde schneller.
Wer Isolation erlebt hat, entwickelt Sensibilität für Verbindung.
Die Wunde ist kein Ideal. Aber sie trägt oft ein Thema in sich. Ein Motiv, das sich durch das Leben zieht und irgendwann bewusst gestaltet werden will.
Zwischen dem, was geschieht, und dem, was daraus entsteht, liegt ein Raum und in diesem Raum formt sich Identität.
Fast jeder Mensch hat ein Märchen, das ihn besonders berührt. Vielleicht war es eine Geschichte aus der Kindheit. Vielleicht eine Figur, mit der man sich unerwartet identifiziert hat. Vielleicht eine Szene, die immer wieder auftaucht.
Dieses Lieblingsmärchen ist selten zufällig gewählt, denn es spiegelt oft ein inneres Thema.
Manche fühlen sich zu “Aschenputtel” hingezogen – zur Erfahrung, unterschätzt zu werden und dennoch eine innere Würde zu bewahren. Andere finden sich in “Rapunzel” wieder – im Bild der Isolation und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Wieder andere erkennen sich in “Die Gänsemagd” wieder, wo Identität gestohlen und neu behauptet werden muss.
Das Lieblingsmärchen zeigt nicht unbedingt, wer man ist. Es zeigt, womit man ringt.
Es legt offen, welches Motiv im eigenen Leben eine Rolle spielt: Sichtbarkeit, Freiheit, Zugehörigkeit, Loyalität, Mut, Selbstbehauptung.
Vielleicht ist es die Geschichte einer Figur, die lange schweigt und irgendwann plötzlich spricht. Vielleicht die eines Mädchens, das verbannt wird und doch ihren Weg findet. Vielleicht die einer jungen Frau, die eine Bedrohung erkennt, während andere sie ignorieren.
Das Märchen, das dich ruft, weist auf eine Spannung in deinem eigenen Leben hin. Und genau dort könnte eine Spur deiner Bestimmung liegen. Nicht im Glanz des Happy Ends, sondern im Kernkonflikt.
Wenn man Märchen nicht als naive Fantasien, sondern als symbolische Landkarten liest, beginnen sie anders zu wirken. Sie geben keine konkreten Handlungsanweisungen, aber sie geben Orientierung.
Ein Kompass zeigt nicht den gesamten Weg, er zeigt die Richtung. So funktionieren Märchen auch.
Sie erinnern daran, dass Prüfungen nicht bedeuten, dass man gescheitert ist. Dass Dunkelheit kein Zeichen für Sinnlosigkeit ist. Dass Isolation nicht zwangsläufig Endstation sein muss. Sie erzählen in verdichteter Form, was Entwicklung bedeutet: Verlust, Suche, Begegnung, Entscheidung.
Wer sein Lieblingsmärchen ernst nimmt, kann sich fragen:
Bin ich noch im Dorf, im sicheren Bekannten?
Bin ich im Wald, unsicher und suchend?
Stehe ich vor dem Drachen?
Oder bin ich bereits auf dem Rückweg, verändert, klarer, bewusster?
Das Märchen wird so zum Spiegel – und zum Kompass zugleich. Es zeigt nicht, was passieren wird. Aber es zeigt, dass Bewegung möglich ist.
Zum Abschluss lohnt sich der Blick auf jene Märchen, in denen weibliche Figuren nicht bloß Randfiguren sind, sondern Trägerinnen von Entscheidung und Transformation:
1. Aschenputtel
2. Schneewittchen
3. Rapunzel
4. Dornröschen
5. Die Gänsemagd
6. Frau Holle
7. Die Schneekönigin
Diese Geschichten erzählen von Verlust und Prüfung, aber auch von Würde, Ausdauer, Klugheit und Entscheidungskraft. Ihre Heldinnen sind nicht immer laut und nicht immer kämpferisch im klassischen Sinn. Doch sie handeln, und genau darin liegt ihre Stärke.
Ich bin ein TraumaHealer, weil ich weiß, wie sich ein innerer Wald anfühlt. Weil ich erfahren habe, was es bedeutet, wenn alte Geschichten im Körper weiterleben. Wenn Muster sich wiederholen. Wenn man rational längst verstanden hat und emotional doch feststeckt.
Trauma ist nicht nur das große Ereignis. Es ist das, was danach bleibt zum Beispiel die Überlebensstrategien, die Schutzmechanismen oder die innere Erstarrung und das ständige Funktionieren müssen.
Ich arbeite mit Schattenarbeit, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass das, was wir verdrängen, nicht verschwindet. Es wirkt im Hintergrund, in Beziehungen in Entscheidungen und in Selbstbildern. Schattenarbeit bedeutet nicht, im Schmerz zu wühlen. Sie bedeutet, hinzusehen.
Ich begleite diesen Prozess nicht als Retterin, sondern als Wegbegleiterin. Der Weg in die Unterwelt ist individuell. Aber niemand muss ihn allein gehen. Wenn du spürst, dass dein Wald kein Zufall ist. Wenn du merkst, dass sich bestimmte Muster wiederholen. Wenn du bereit bist, nicht nur an der Oberfläche zu arbeiten, sondern tiefer zu gehen,
dann lade ich dich ein mit mir zu arbeiten, nicht, um dich zu verändern. Sondern um zu erinnern, wer du unter all den Schutzschichten wirklich bist. Denn Heilung bedeutet nicht, jemand Neues zu werden.
Heilung bedeutet, zu dir zurückzukehren.
Und vielleicht ist genau das deine eigentliche Bestimmung.


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